Report Mainz/ Schächten in Deutschland

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Neue Erkenntnisse der Bundestierärztekammer

Was das eine mit dem andern zu tun hat? Eine Menge. Denken Sie mal an das sogenannte „Schächten“, also das rituelle Schlachten, bei dem die Tiere möglichst komplett ausbluten sollen.

Höchste Gerichte haben sich in Deutschland schon mit dem Thema befasst. Das Ergebnis: Schächten ist in Deutschland zwar grundsätzlich verboten, aber es muss Ausnahmen geben. Begründung: Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Jetzt laufen die Tierärzte Sturm gegen die Ausnahmen und unsere Politiker tun sich schwer mit der Thematik. Ulrich Neumann berichtet.

Bericht:

Ein muslimischer Schlachthof in einer Stadt in Niedersachsen: Hier wird einem Schaf bei vollem Bewusstsein die Kehle durchgeschnitten. Das Schlachten ohne vorherige Betäubung nennt man auch Schächten. Ein religiöser Brauch im Islam und im Judentum. In Deutschland aber zur Zeit nur praktiziert von einem Teil der Muslime.

Die Folge des betäubungslosen Schlachtens: ein minutenlanger, qualvoller Todeskampf. Die Bundestierärztekammer schätzt, dass bis zu 500.000 Schafe auf diese Weise in Deutschland pro Jahr der Religion wegen geschlachtet werden.

Dabei ist das Schächten in der Bundesrepublik eigentlich ausdrücklich verboten. So will es das Tierschutzgesetz. Zitat:


Zitat:

»Ein warmblutiges Tier darf nur geschlachtet werden, wenn es vor Beginn des Blutentzugs betäubt worden ist.«

Doch es gibt Ausnahmen für Religionsgemeinschaften. Dafür hat er Jahre lang gekämpft, der muslimische Metzger Rüstem Altinküpe aus Hessen. Mehr als zehn Jahre hat der Prozessmarathon gedauert. Bundesverfassungsgericht 2002 und erneut das Bundesverwaltungsgericht 2006 haben entschieden: Wenn es Angehörigen bestimmter Religionsgemeinschaften zwingend vorgeschrieben wird, darf geschächtet, also ohne Betäubung geschlachtet werden.

Ein Interview will Rüstem Altinküpe heute nicht mehr geben, hält er für überflüssig.

O-Ton, Rüstem Altinküpe, muslimischer Metzger:

Außerdem habe er keine Zeit, ständig viel zu tun. Tatsächlich nimmt das betäubungslose Schächten ständig zu.

Reinhard Strack-Schmalor ist als Verwaltungsdirektor des hessischen Lahn-Dill-Kreises für den muslimischen Metzger Altinküpe zuständig. Er erteilt die Ausnahmegenehmigung für das Schächten. Und die Zahlen steigen.

O-Ton, Reinhard Strack-Schmalor, Verwaltungsdirektor Lahn-Dill-Kreis:


Aufnahmen aus einer muslimischen Schlachterei vor den Toren Hamburgs. Hier wird ebenfalls geschächtet. Ohne Betäubung. Auch hier das gleiche Bild: ein minutenlanger, qualvoller Todeskampf.

Gegen solche Zustände laufen Tierschützer Sturm - seit Jahren. Jetzt erhalten sie prominente Unterstützung von Deutschlands wichtigster tiermedizinischer Organisation, der Bundestierärztekammer. Deren Präsident, Dr. Ernst Breitling, hat ein Gutachten zum betäubungslosen Schlachten in Auftrag gegeben. Dieses Gutachten hat weltweit über 70 Untersuchungen ausgewertet. Hauptergebnis: Wissenschaftlich erwiesen ist, dass es selbst unter optimalen Bedingungen bei dem überwiegenden Teil betäubungslos geschlachteter Tiere

Zitat:

»zu erheblichen Leiden und Schmerzen kommt.«

Schlussfolgerung:

O-Ton, Dr. Ernst Breitling, Präsident Bundestierärztekammer:

Ernährungs- und Verbraucherschutzminister Horst Seehofer wäre zuständig, eine Gesetzesänderung auf den Weg zu bringen. Auch für ihn steht die Qual der Tiere beim betäubungslosen Schächten außer Frage. Doch ein Verbot dieser Methode hält er für nicht durchsetzbar.

O-Ton,  Horst Seehofer, CSU, Bundesminister für Ernährung:

Eben wegen der Verfassungslage ist für ihn das neue Gutachten kein Grund, das Gesetz zu verändern, obwohl Tierschutz mittlerweile in genau derselben Verfassung verankert ist.

Tierschutz contra Religionsfreiheit, scheinbar ein Gordischer Knoten, ein unlösbarer Konflikt. Muss denn nach muslimischem Recht wirklich unbedingt betäubungslos geschlachtet werden oder gibt es Alternativen?

Wir sind in Istanbul, erfahren Erstaunliches. Und was wir hier erfahren, ist inzwischen eine weit verbreitete Meinung in der muslimischen Welt.

O-Ton, Prof. Tamer Dodurka, Fakultät Veterinärmedizin, Uni Istanbul:

Also: Tiere könnten mit Betäubung islamgemäß geschlachtet werden, aber eine erneute Auseinandersetzung über das Schächten ohne Betäubung scheuen bislang die Politiker hier in Deutschland.

O-Ton, Dr. Karl Fikuart, Bundestierärztekammer:

Abmoderation Fritz Frey:

Manchmal hilft ja auch ein Blick über den deutschen Tellerrand. Und siehe da: In der Schweiz ist das Schächten von Säugetieren verboten. Für Geflügel jedoch erlaubt. In Schweden, Island und Liechtenstein ist Schächten verboten. Mit anderen Worten: Wenn man es verbieten will, geht es auch.